Montag, 7. Mai 2018

Familie Herold in Idar-Oberstein von 1960 - 1973



                                                 


Meine Eltern hatten sich also Ende 1959, wie so viele andere, entschlossen mit ihren beiden Kleinkindern die damalige DDR zu verlassen. Der Kontakt zur Familie und Freunden war damit in weite Ferne gerückt, das doch erst so sorgsam renovierte Elternhaus meines Vaters war damit verloren. 

http://wwwhaplogruppe-u5-europaeu-gudrun.blogspot.de/2016/02/unsere-heimat-1939-1959.html
 
Bereits im Übergangslager Marienfelde bei Berlin hatte man uns als neue Heimat Idar-Oberstein angewiesen. Meine Eltern wollten dies ablehnen, aber aussichtslos mit dem Verweis, dass es dort Arbeit für meinen Vater gäbe. Er hatte den Arbeitsvertrag mit der Justiz damals nicht verlängert und war in eine Drahtfabrik nach Berlin gegangen. Eben solche Kenntnisse waren in Idar-Oberstein gesucht. Auch der Wunsch zu dem Halbbruder meines Vaters nach Essen, Nordrhein-Westfalen gehen zu können, wurde abgelehnt. Wir hatten auch keinen Flüchtlingsstatus, sondern erhielten das Aufenthaltsrecht nur zwecks Familienzusammenführung, da mein Vater bereits Ende 1959 geflüchtet war, um alles vorab zu regeln und wir, die Familie erst Anfang 1960 nach Westberlin folgte.
Irgendwann saßen wir im Flugzeug Berlin/Frankfurt am Main und von dort mit dem Zug nach Worms, in das Übergangslager Osthofen in Rheinhessen. Hier waren wir ca eine Woche in einem Zimmer zwischengeparkt und es entstanden meine allersten Erinnerung des Lebens. Unser Zimmer hatte eine Durchreiche, die zugehängt wurde. Im Nebenzimmer befand sich eine andere Flüchtlingsfamilie mit Kindern. Das war interessant für uns. Meine ein Jahr ältere Schwester und ich hatten unsere Puppen und waren zufrieden bei unseren Eltern zu sein. Aber ab und an ein Blick hinter den Vorhang war schon spannend.
Nach einer Woche ging es weiter im Zug nach Idar-Oberstein, erst den Rhein, dann die Nahe entlang. Meine Eltern hatten noch nie Berge gesehen und meine Mutter hatte das Gefühl, das diese auf sie zukommen. Am Bahnhof wurden wir mit einem Auto abgeholt und in unsere Unterkunft verbracht. Das war im Ortsteil Tiefenstein bei einer Familie Mallmann in der Alten Poststrasse. Diese hatte eine Gaststätte und mehrere vermietete Wohnungen. Auch der Dachboden war voller Flüchtlingsfamilien aus Ostdeutschland, welche durch Decken ihre Privatsphäre abtrennten und auf eine eigene Wohnung warteten.
Wir bekamen eine kleine zwei Zimmer Wohnung mit Toilette auf halber Etage auf dem Flur. Meine Mutter hatte auf der Flucht Geld in die Kleider eingenäht. So konnten wir einige Möbel kaufen. Zum baden ging es in die Schule. Wäsche kam in den großen Zuber im Keller, egal bei welchem Wetter stand meine Mutter und rührte das Ganze mit einem großen Stab um oder schrubbte auf dem Brett. In Rüdersdorf hatten meine Eltern das Haus schon mit Bad und Waschmaschine ausgestattet.

Frau Mallmann sagte einmal, die Flüchtlinge sind alles Dreckschweine. Eine andere Nachbarin sagte: die dreckigen Flüchtlinge. Zu meinen Eltern hat sich direkt aber niemand so geäußert.

In unserem Eingang hat unsere direkte Nachbarin, Frau Lorenz mit meiner Mutter zusammen im Hausflur die Wände gesäubert und neu tapiziert. Sie hatten später noch viele Jahrzehnte Kontakt.
Nette "einheimische" Nachbarn die sogenannten hiesigen, gaben uns Mädchen dicke Strumpfhosen von ihren Töchtern. Meine Schwester und ich hatten sofort Spielgefährten. Mein bester „Freund“ aus dem Nachbarhaus bekam von seinem großen Bruder Prügel, weil er mich zu sich nach Hause einlud und die erste „Seeschmier“ meines Lebens reichte. Ein vollkommen süßer Sirup, der klebte was das Zeug hielt. Mein Freund war sehr mutig, wenn man den Altersunterschied zu seinem Bruder bedenkt. Ich hatte bis dahin noch nie gesehen, wie jemand geschlagen wurde .
Hinter dem Haus war ein großer Hof, in dem wir uns viel aufhielten und spielten. Dahinter gab es eine Anhöhe und eine Wiese. Dort saßen wir am Sonntag auf einer Decke mit unseren Eltern. Direkt dahinter war ein Wald, in dem meine Mutter nach Pilzen suchte und fand.
Nach und nach leerte sich der Dachboden und die Menschen aus verschiedenen Regionen wie Mecklenburg, Sachsen, Thüringen, Brandenburg u.a. erhielten Wohnungen oder zogen weiter. In unserem Haus lebte kurz auch eine Amerikanische Familie. Sie luden uns alle zum Eiscreme essen ein. Der Amerikaner sagte, seine Frau sollte sich ausruhen und nicht wie die deutschen Frauen jeden Tag kochen. 
Meine Schwester und ich schliefen mit unseren Eltern im Bett im Schlafzimmer. Zu Weihnachten 1960 sollten wir noch ein Geschwisterchen bekommen. Wir legten Zucker auf das Fensterbrett und wollten ein Brüderchen. Das kam auch am 1. Feiertag und unser Vater kümmerte sich um uns, eine nette Nachbarin, Sigrid Weingart aus Sachsen, kochte für uns das Essen. Mein Bruder bekam ein Kinderbett ins Schlafzimmer gestellt und als er zahnte, durfte er in das „große Bett“ und ich musste in das Kinderbett. Da war ich total beleidigt und habe diese Schmach lange nicht vergessen.
Der Verdienst meines Vaters war allerdings sehr niedrig und auf die Dauer war das kein Zustand. Dann versuchte er es mit Kohlenschleppen und anderen arbeiten, bis er damit  liebäugelte, wie die anderen „Flüchtlingsväter“ außerhalb zu arbeiten.






1960 unsere ersten Freunde in der unteren Alten Poststrasse in Tiefenstein, damals Stadtteil Nr. 3
von I-O.



1961 in der Rothenbach in Tiefenstein, hier in der Nähe war die Firma, in der mein Vater zuerst, aber nur kurz arbeitete, da er mit diesem Stundenlohn uns alle nicht ernähren konnte.






Taufe am 27.8.1961 in der ev. Kirche in Idar, zusammen mit meinem Bruder, Taufpaten Familie Weingart aus Algenroth, später Kobachstrasse.








 Wasserspaß in der Nahe 1962





 Auf dem Schlossberg gegenüber der Hohl Sommer 1962 



In der DDR hatte mein Vater bereits auf seine Kosten einen LKW Führerschein gemacht und somit konnte er nach der kurzen Tätigkeit in der Tiefensteiner Fabrik auf dem Bau eine Stelle als Fahrer annehmen.




Irgendwie muss man ja nach Frankfurt auf die Arbeit kommen....



 Nachbarsfrauen in der Alten Poststrasse ca 1962, hinten rechts meine Mutter, hinten Links ihre langjährige Nachbarin und Freundin, vorne rechts die Amerikanische Lady.

 



















1962 Sonntagsausflüge



 Mein 6. Geb. 1962 und bald wird es ernst....






Einschulung am 02.05.1962 in Tiefenstein zusammen mit meiner besten Freundin





Grundschule Tiefenstein heute








1964 zogen wir auf die Hohl in Oberstein:








Die Stadt und die Hohl damals....







Inzwischen war mein Vater Baggerfahrer geworden und saß klaglos stundenlang im Sommer bei einer unmenschlichen Gradzahl im Gehäuse. Im Winter gab es ab und an Schlechtwetterzeit.



Ich glaube das war im Kammerwoog....


Winter vor unserem Haus in der Breslauer Strasse 39 in den 60ern




Die selbe Ansicht wie oben 2018





Fastnacht mit der Schulklasse auf der Finsterheck mit Lehrerin Petschalis ca 1965




Meine Geschwister und Nachbarskinder ca 1965 vor dem Haus Breslauer Strasse 39




Mit Mutter und Freundin auf der Hohl ca 1969.



 Ostern 1970.




Die Hohlschule.






 Die Kreuzkirche gegenüber unseres Hauses in der Breslauer Strasse 39


Konfirmation 1970 in der Kreuzkirche auf der Hohl. Bei der Feier waren meine Pateneltern Weingart dabei.




Unser Zimmer in der Breslauer Strasse 39.


 Abschluss in der Tanzschule Jacob 1972.







 Camping mit Freunden im Saarland 1972.





Beim Spießbratenfest in der Vollmersbach 1972, kurz bevor ich für immer nach Wiesbaden ging. In regelmäßigen Abständen haben wir Idar-Oberstein besucht, alte Erinnerungen aufleben lassen und haben es frohen Herzens wieder verlassen. Mein Vater ist 2012 in Wiesbaden verstorben und fand seine letzte Ruhe auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt/Main.

https://old.findagrave.com/cgi-bin/fg.cgi?page=gr&GRid=158130750

https://www.wikitree.com/wiki/Herold-430
 

Spree_kind@web.de










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